Workshop „Filz und Puppenspiel“

Mit Wolle, Seife, warmen Wasser, Kreativität, ein wenig Geduld und Kraft entstehen unter Anleitung von Anke Scholz weiche Filzpuppen – in jedem Falle individuelle Unikate. Zuerst überlegen sich die Teilnehmenden, welchen Charakter sie spielen möchten und alle zusammen schreiben eine kurze Geschichte. Dann beginnt das filzen: zu Beginn erlernen alle die Grundtechniken des Nassfilzens (Kugel, Schnur, Fläche), danach filzt sich jeder seinen Puppe. Am nächsten Tag wird das Stück geprobt. Der Workshop kann mit einer öffentlichen Aufführung enden.

Dauer und Teilnehmerzahl:  Kinderkurse: 2 Tage à 4 Stunden mit Pause, maximal 6 Kinder ab 1. Klasse

Warum Filz als Material für Puppen?

Am Anfang war das Schaf. Diesem Schaf wuchs ständig Wolle – immer mehr und mehr – bis es drohte, darin zu verschwinden. Dann wurde es geschoren. Und irgendwann geschlachtet. Neben dem Schäfer lag ein großer Berg Wolle: zerzaust, dreckig, weich und warm; tot, aber doch irgendwie lebendig.

In diesen scheinbaren Gegensätzen liegt für mich der Reiz, mit Wolle zu arbeiten, sie gezielt zu verfilzen und daraus Köpfe, Masken, Torsi, Hüte, Schuhe, Taschen, Schmuck und einfach nur Schönes herzustellen. In einem Wechselspiel vom sanftesten Reiben bis hin zum kraftvollen Walken und Schlagen der Stücke. Die am Ende des Filzprozesses vorwitzig herauslugenden einzelnen Härchen geben den Kunstwerken, Puppen und Objekten einen einzigartigen Charakter und Charme. Ein altes Handwerk – neu entdeckt.

Der Filz gibt, wie jeder andere Werkstoff auch, durch sein spezifisches Materialverhalten bestimmte Formen vor. Damit verbunden geht eine große Austrahlungskraft einher. Obwohl es nichts gibt, was man nicht (um)filzen kann, ergibt die Arbeit mit der Wolle klare, harmonisch fließende und minimalistische Linien, Formen und Übergänge. Ich experimentiere mit dem Einfilzen anderer Materialien, wie Stoffe, Seide, Fasern, Blätter, Fruchthüllen und Zweigen. Den fertigen Filz kann man vielfältig kombinieren, er ist weitgehend schmutzabweisend, strapazierfähig, wasserfest, schwer entzündbar und leicht. Nur eins behält er bei: bei Gebrauch kann er fusselen (Pilling). Wie das Schaf.

Seit Januar 2003 beschäftige ich mich intensiv mit Filz und dessen Möglichkeiten der Gestaltung, gebe und besuche Kurse (z.B. bei Istvan Vidak, Inge Bauer), nehme an Ausstellungen und Kunsthandwerkermärkten teil, habe Artikel in verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht und mehrere Puppen und Austattungen für das Chaussée- und das ArtisjokTheater gefilzt.

 Handpuppen
Filzpuppen
Handpuppen

Ausstellungen

2011: „Filz und mehr“ Queichtalmuseum Offenbach/Queich (Einzelausstellung)

2008: „Einblicke – Filzobjekte“ Haus am Westbahnhof Landau (Einzelausstellung)

2007: „Leuchten“ Künstlerverein Goldener Stern Schweighofen (Gruppenausstellung)

2006: „Kunst-Hand-Werk“ Kunstverein Germersheim e.V. (Gruppenausstellung)

Sigrid Weyers, M. A., 11.09.2011 anlässlich der Vernissage in Offenbach/ Queich
…In den Händen von Annke Scholz entwickelte sich der Filz schnell weg vom funktio­nellen Rohstoff; das Material in ihren Händen verselbstständigt sich, eman­zipiert sich vom Diktat des Nützlichen, öffnet den Weg in die künstlerische Auseinandersetzung. Dabei sind textile Materialien in den Zeiten industrieller Massenware – außer als Bildträger – bislang noch von randständiger Bedeutung in der Kunst, auch wenn prominente Künstler wie Henry van de Velde und Sonia Terk-Delaunay sie als künstlerische Medien wertschätzten. Innerhalb der modernen zeitgenössi­schen Kunst gilt dies für Filz in besonderem Maße – mit einer Ausnahme. Joseph Beuys spürte in seinem Werk den elementaren Aspekten des Materials und ihrer existen­ziellen Bedeutung für den Menschen nach, Ausgangspunkt war dabei die eigene Biografie: 1944 wird er als Pilot eines Kampfflugzeugs zwischen den Fronten abgeschossen, Bauern finden den Schwerverletzten, bringen ihn in Sicherheit, pflegen ihn. Beuys thematisiert später das Erlebte in seinem künstlerischen Schaffen, verarbeitet das traumatische Geschehen, verdichtet es symbolhaft in seinen Filz­installationen und weist damit dem Material erneut eine existenzielle Bedeutung zu. Damit etabliert Beuys Filz nicht nur als zentrales Element seiner künstlerischen Formen­sprache, sondern erhebt ihn zum künstlerischen Medium an sich.
Anke Scholz lotet dessen Qualitäten in ihrem Werk aus, ist stets auf der Suche nach neuen Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten. Längst überschreitet sie dabei den funktional-figura­tiven Charakter ihrer Theaterfiguren, nicht zuletzt weil sie einem Grundgedanken folgt, den Joseph Beuys als Künstler und Lehrer stets betonte: Das Material an sich ist wichtig! Und Anke Scholz hat sich auf den Filz eingelassen, sie lässt ihn wachsen, lässt ihn sprechen, entdeckt im Dialog mit der Wolle immer neue Möglichkeiten und stößt dabei zuweilen auch auf über­raschenden Widerstand des scheinbar so leicht formbaren Materials. Augenzwinkernd kommentiert sie dies mit der Erkenntnis: „Die Schafe geben einen Teil ihrer Eigen­sinnigkeit der Wolle mit.“ Jede Wolle stellt ihre Bedingungen, erfordert ein fein abgestimmtes Arbeiten und führt im Ergebnis zu einer anderen Struktur. Gerade dies macht für Anke Scholz den besonderen Reiz des Materials aus, aus ihm schöpft sie stets auf Neue die Lust am Experiment.
In den vergangenen Jahren hat sie dabei ihre Formensprache konsequent weiter entwickelt. Ihre Objekte gewinnen an plastischer Qualität. Dabei verwendet sie den Filz nicht als Überzug, als Haut für eine aus anderem Material vorgegebene Form, vielmehr wächst der Filz selber gleichsam in den Raum hinein. Sehr gut ist dies an dem Wandobjekt „I am watching you“ aus gelb gefärbter Merinowolle zu sehen, oder auch bei der Skulptur „Bin ich schön?“. Eine im Wortsinne raumgreifende Arbeit ist die Installation „Vernissage“ , bei der die Künstlerin den Begriff „kommunizierende Röhren“ mit feiner Ironie neu interpretiert. Eine weitere Variante räumlicher Struk­turen entsteht durch das Aufbringen von Filzapplikationen auf einem gefilzten Bild­träger, wie bei der Serie von Wandobjekten unter dem Titel „Überraschung“. Das Objekt „Kokon und Knochen“ mit einem aufgebrachten Tierschädel zeigt zugleich eine spannende Erweite­rung der Technik des Applizierens. Zunehmend verwendet Anke Scholz dafür andere, vorwiegend natürliche Materialien wie Steine, Holz, Federn, Kokons, aber auch Glasperlen. Das bereits genannte Objekt mit appliziertem Tierschädel nimmt dabei einerseits die Tradition der rituellen Filzobjekte alter Kulturen wieder auf – quasi als Totendecke – und verknüpft sie andererseits mit einem zentralen Element der Bildsprache in unserem Kulturkreis. In der westlich geprägten Stilllebenmalerei gehört der Totenschädel zu jenen Vanitas-Attributen, die den Menschen an seine Vergäng­lich­keit mahnen.
Die Serie von Wandbehängen unter dem Titel „Die vier Elemente offenbart ein weiteres Stilelement im künstlerischen Filzwerk von Anke Scholz. Gezielte Schnitte gewähren Einblick in den mehrschichtigen Aufbau des Filzes. Damit führen sie die Betrachter, ähnlich wie die aufgeschnittenen Leinwände des italienischen Avant­gardisten Lucio Fontana, von der Zweidimensio­nalität des Bildes in die Dreidimen­sionalität eines – dahinter verborgenen – Raumes. Zugleich gewinnt der Filz selber im Wortsinn an Raum, sehr gut ist dies auch an der Skulptur „Federfahne“ zu erkennen.
Eine ganz andere Auffassung der Mehrschichtigkeit wird in der Installation „monochrom“ sichtbar. Beim Nuno-Filz wird Wolle auf eine Trägerschicht aus Seide aufgefilzt, so ergeben sich reizvolle Kontraste zwischen der schimmernden, leicht transparenten Seide und der opaken, matten Wolle. Gleichzeitig entstehen beim Arbeitsprozess feine Plissierungen und Wellen, die der Oberfläche des Objektes mit einem stets wechselnden Spiel aus Licht und Schatten zusätzlichen Reiz verleihen.
Anke Scholz thematisiert das Material an sich in vielfältiger Weise, lässt es jenseits gegenständlicher Bezüge für sich sprechen. Figürliche Anspielungen finden sich jedoch sowohl in der Ausformung einzelner Objekte als auch in ihren Titeln. Gerade diese verweisen oft auf den hintergründigen Humor der Künstlerin, die bei allem Engagement stets auch das Spielerische in ihren Arbeiten zu Wort kommen lässt. Die Serie „Gehörnte“ bringt dies in Anspielung auf die Geweihsammlung manch passionierten Jägers besonders schön zum Ausdruck. Die bereits erwähnte Reihe „Die vier Elemente“ zeigt, dass der Humor der Künstlerin auch nicht vor dem Publikum nicht halt macht. So zeigt sich Anke Scholz einmal mehr auch außerhalb der Bühne als experimentierfreudige, oft hintersinnige Künstlerin. Dass sie dabei stets den Boden unter den Füßen behält, fasst sie selber in einem Satz zusammen: „Die Wolle hat immer das letzte Wort.“