Pressespiegel „Vom Fischer und seiner Frau“

Thüringer Allgemeine, 30. Juli 2013

Das war richtig gutes Theater, welches knapp 10 Kinder und dreimal soviel Erwachsene am Sonntagnachmittag in der Thüringischen Sommerakademie- Fabrik mit der Puppenspielerin Anke Scholz erlebten. Akademieleiter Christoph Goelitz hatte das kulturelle Intermezzo mit der Puppenspielerin für die Böhlener und andere Kinder aufgenommen, aber wohl wissend, dass auch die Erwachsenen vom gegenwärtig laufenden Akademiemalkurs und die Eltern der jüngsten Zuschauer beim Märchen vom „Fischer und seiner Frau“ großes Vergnügen finden werden.

Das Märchen mit seinem fast philosophisch zu nennenden Inhalt und unaufdringlichen Moralbildungspotenzial war vermutlich nur den Allerjüngsten nicht bekannt. Die Neugier des Publikums auf das Bühnenstück zielte daher mehr auf die Regieeinfälle, die Dramaturgie und den Einsatz der Puppen und Requisiten. Von allem hatte Anke Scholz reichlich zu bieten, ohne jedoch das von seiner schlichten Fabel lebende Stück zu überfrachten. Der eindimensionale Handlungsstrang wurde von ihr konsequent durchgespielt. Im sich entwickelnden und dem Höhepunkt zustrebenden Spiel waren es die Details, die dem Stück die Würze und dem Publikum ebenso viele Anregungen zum Nachdenken, Wundern und Lachen gaben. Es waren solch unausgesprochene Lebensweisheiten, wie „Übermut kommt vor dem Fall!“, „Gier frisst Hirn!“ und „Die Liebe überwindet alle Hindernisse!“, welche den Zuschauern in den Sinn kamen und den Kindern Denk- und Handlungsmuster vermittelten.

Anke Scholz fügte die im Märchen genannten Komponenten „Mensch, Tier und Natur“ in ihrem unlösbaren Verhältnis zusammen und fühlte sich ganz wunderbar in die Psyche der beiden Hauptgestalten ein. Wenn sie selbst aus dem Stück heraustrat und die Position der Draufsicht einnahm, hatten die Erwachsenen ihren Spaß. Die Befolgung des „Bauplanes“, um aus dem „Pisspott“ die „Villa Meeresgold“, dann ein Königsschloss, nachfolgend ein Kaisergemach und zu guter Letzt den vatikanischen Papstsitz zu zaubern, dabei des alte FDJ- Lied „Bau auf, bau auf…“ zu summen, um nach dem grandiosen „Zusammenbruch“ das „Oh, du lieber Augustin“ hören zu lassen, war höchst ergötzlich.

„Wir haben doch alles, was wir brauchen. Wir haben uns!“, war des Fischers Spruch, als er seine hoch gestiegene und tief fallende Ilsebill in Liebe auffing. Mehr Worte brauchte es nicht. Weder für die Kinder, noch für die Großen, die mit viel Freude im Herzen das Puppentheater verließen und dem gespendeten Beifall auch Spendengeld hinzu gaben. KARL-HEINZ VEIT

Die Rheinpfalz, 5. März 2013

Mit Wünschen kann es seltsam zugehen – umso mehr, wenn sie wahr werden. In eine Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, tauchten kleine und große Zuschauer am Freitag in der Kulturey in Wachenheim ein: Das ArtisjokTheater präsentierte seine aktuelle Inszenierung des Märchens „Vom Fischer und seiner Frau“. Behände und unterhaltsam gelingt es Figurenspielerin Anke Scholz, den unaufdringlichen Zauber einer Geschichte zu vermitteln, die von steilem Aufstieg und noch steilerem Absturz berichtet.Den erhobenen Zeigefinger braucht sie dabei nicht. Denn die Inszenierung unter Regie von Ute Kahmann regt zum Nachdenken über Glück und Habgier an, ohne auch nur einen Moment belehrend zu wirken. Schon wie das Märchen in eine Rahmenhandlung gepackt wird, fesselt die Zuschauer: Alles was mitspielt, ist Strandgut – angespült von Wellen und Sturm, scheinbar wertlos. Doch aus den Sperrholzteilen entsteht eine Bühne, ein Blechpott wird zur ärmlichen Fischerhütte und der verzauberte Butt ist eine Gießkanne in Fischgestalt. Eine Bauanleitung, die mit angespült wurde, begleitet hilfreich durch die ganze Geschichte. Die Figuren des Fischers Augustin und seiner Frau Ilsebill hat Anke Scholz selbst gearbeitet. Ihre ausdrucksvollen Gesichter sind aus Lindenholz geschnitzt, während die Körper in alten Stiefeln stecken und sich beweglich handhaben lassen. Klug umschifft die Figurenspielerin mit ihnen allzu flaches Fahrwasser und vermeidet es, eindeutige Charaktere zu zeichnen. Vielschichtig erscheint auch die Beziehung zwischen Augustin und seiner Frau. Das macht die Inszenierung nicht nur für kleine Theaterfreunde interessant. So ist die hübsche Ilsebill keine keifende Ehehälfte, sondern wirkt durchaus nett und adrett. Doch ihr Ton wird schärfer, je höher sie auf der Karriereleiter empor  klettert. Und wo Ilsebill auch hinkommt, ob auf den Königs-, Kaiser- oder Papstthron – es gibt überall einen Haken. So wird die eher nüchterne Märchenvorlage mit modernen Textelementen verschmitzt und hintergründig ausgeschmückt. Dabei dürfen die Zuschauer mitwirken, etwa wenn sie bei der Krönung der Kaiserin als Höflinge applaudieren. Beeindruckend wirkt Ilsebill auch als Päpstin. Indem das Publikum zu ihr aufblickt, sieht es sie eilig zwischen Messen und Audienzen hin- und herhetzen. Wirkungsvoll bringt Anke Scholz eine zunehmend ungemütliche Stimmung auf die Bühne: Wenn die Fischerfrau ungeduldig nach mehr verlangt und ihren allzu ergebenen Mann zum Butt schickt, so wird sein Gang ans Meer jedes Mal schwerer und sein „Mantje, Mantje, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See“ immer zaghafter. Das Meer färbt sich dunkler und aufgewühlt und die Töne auf dem Schifferklavier klingen schräg und bedrohlich. Damit schafft Anke Scholz magische Momente, in denen es völlig still im Raum wird.

Fast jeder weiß, wie die Geschichte endet: Ilsebill stürzt aus höchsten Würden und landet wieder im Blechpott. Als sie da so bitterlich weint, ergeht es dem Zuschauer beinah wie dem liebevollen Augustin: Man kann ihr nicht mal böse sein. Menschen neigen nun mal zur Gier. Zuletzt packt Anke Scholz das Strandgut, aus dem sie die Geschichte gebaut hat, wieder zusammen. Bestimmt tragen Wind und Wellen es weiter. Dann könnte das Märchen von Glück und Gier von neuem stranden und wieder aufgebaut werden. SIGRID LADWIG